Blickwechsel ·

Zwischen Mut und Scham

Polizei und Kriminalität waren als Kind und Jugendlicher normal für mich. Büroarbeit als Erwachsener machte mir hingegen oft Angst.

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Was für die einen wenig beeindruckend ist, kann anderen große Angst einjagen. Wo die einen in Tränen ausbrechen und verzweifeln, steigt bei den anderen nicht einmal der Puls. Dieses Phänomen habe ich häufig erlebt.

Ich erinnere mich an Szenen aus der Mittelstufe des Gymnasiums, in denen sich meine Mitschüler Sorgen machten, ob ihre Noten gut genug sein würden. Ob sie ihre Eltern enttäuschen oder wie sie sich im Fußballverein präsentieren würden. Diese Themen haben mich emotional nie wirklich berührt. Die Schule hat mich mental ohnehin nie wirklich gefordert, diese Dinge fielen mir immer leicht. Aber abgesehen davon war ich emotional mit ganz anderen Themen beschäftigt.

In meinem privaten Umfeld spielte Gewalt – zum Teil körperlich, aber vor allem emotional und psychisch – immer eine große Rolle. Ich kannte bereits als Kind Menschen, die viele Jahre wegen Gewaltverbrechen im Gefängnis waren. Ich kannte Polizisten, Richter, Anwälte. Mit elf Jahren konnte ich gut zwischen Amtsgericht und Oberlandesgericht unterscheiden. Begriffe wie „in Berufung gehen“ oder „Revision einlegen“ waren mir nicht fremd. Zwar waren meine persönlichen, also direkten Erfahrungen „nur“ auf Familiensachen beschränkt, jedoch war ich auch im Bereich von Strafsachen aufgrund meines Umfeldes für mein Alter weit überdurchschnittlich erfahren.

Ich hatte Freunde in meinem Alter, doch nur wenige waren aufgrund eigener schwerer Belastungen in ihrem Elternhaus in ihrer emotionalen Entwicklung entsprechend weit, dass sie mich in der Tiefe verstehen konnten. Demnach konnte ich mit den Sorgen der meisten meiner Bekannten und Mitschüler wenig anfangen, auch wenn ich bereits damals reflektiert genug war, zu sehen, dass ihr subjektives Leiden deswegen nicht weggelächelt werden sollte.

So hatte ich durch meine gesamte Schullaufbahn hinweg, insbesondere ab der Mittelstufe und in der Oberstufe, wenig Angst vor Repressionen durch Lehrer und „Obrigkeiten“. Der Schuldirektor wirkt wenig beeindruckend auf einen Jungen, der die Nacht zuvor mit ehemaligen Langzeithäftlingen an einem Tisch saß. Und generell wusste ich meistens ziemlich genau, wie weit ich gehen konnte, ohne wirklich Probleme mit der Administration zu bekommen – es sei denn, ich wollte es so.

Ich habe dann in meinen späten Teenagerjahren jedoch immer klarer gesehen, dass ich bessere Möglichkeiten habe als ein Leben „im Untergrund“. Ich habe mich stark für Computertechnik und Softwareentwicklung interessiert und auch bereits damals nebenher damit etwas Geld verdient.

Als die Schule vorbei war, hat sich nach meinem Abitur quasi mein gesamtes Umfeld geändert. Ich wurde als Werkstudent bei einem Softwareentwickler tätig, bei dem ein recht familiäres Umfeld herrschte und ich mich weitgehend wohlfühlte. Jedoch nahm ich mich dort bereits als jemanden wahr, der aus einer völlig anderen Welt kam. Die Zeit, in der ich mit meinen „Straßenfreunden“ nächtelang kiffend auf dem Parkplatz vom Rewe verbracht hatte, lag nicht weit zurück.

Je länger ich mich dann in der „Corporate-Welt“ aufhielt, desto unsicherer fühlte ich mich jedoch. Es fühlte sich alles unecht an. Gekünstelt. Meine bis dahin als wahre Stärke wahrgenommenen Fähigkeiten halfen mir hier wenig: die Fähigkeit, in enormen Drucksituationen – bei denen eine reale Gefahr eines Gewaltausbruchs bestand – die Übersicht zu behalten und durch großes Feingefühl, Menschenkenntnis und rhetorische Fähigkeiten Einfluss auf die Beteiligten zu nehmen und Situationen zu deeskalieren. Die Fähigkeit, den emotionalen Zustand meines Gegenübers erstaunlich gut wahrnehmen zu können.

Da mein Leben bis dato eher einem Überlebenskampf glich, war mein Nervensystem entsprechend eingestellt. Ich kam fast nie aus „dem Modus“. In der Folge kiffte ich jede Nacht und spielte Computerspiele. Auch Pornografie war täglicher Begleiter.

All das zog mir immer weiter Energie, und das wiederum verstärkte die innere Unsicherheit enorm. Ich erlebte den Büroalltag immer noch als Überlebenskampf. Nur wurde hier mit anderen Waffen gekämpft. Das Schlachtfeld war ein anderes. Meine Ratio konnte gut genug reflektieren, um zu erkennen, dass es kein wirklicher Kampf war. Auch schien es mir so, als ginge es den Kollegen nicht so. Dennoch hat der innere Stress mir immer weiter zugesetzt, sodass er sich dann in manchen Projekten auch negativ auf meine Leistung auswirkte.

Wenn ich fachliche Schwierigkeiten hatte, war ich emotional kaum in der Lage, das zu kommunizieren. Dadurch sind Probleme teilweise erst sehr spät wirklich aufgefallen, auch wenn ich das schon lange vorher kommen sah. Kam es dann in der Folge zu Konfliktgesprächen, habe ich mich unglaublich geschämt. Ich fühlte mich wie ein kleiner, hilfloser Junge.

Abends saß ich dann am Rheinufer in Köln, rauchte mein Gras und fühlte mich sehr einsam. Geld war da. Objektiv betrachtet auch „Karrieremöglichkeiten“. Doch war ich wie ein Haifisch, den man in die Savanne zu den Löwen geworfen hatte. Hilflos. Mir fehlte fast die Luft zum Atmen.

Diese Umfelder, also die Büros, von denen ich oben gesprochen habe, sind überwiegend von Menschen geprägt worden, die sich eben in der Schule vermutlich nicht über Polizei und Gewalt Gedanken machten, sondern darüber, wie sie ihre Englisch-Hausaufgaben vor dem Fußballtraining fertig bekommen sollen. Es sind verschiedene Welten. Verschiedene Lebensrealitäten.

Jedoch möchte ich keine dieser Erfahrungen missen. All das hat mich zu dem Punkt geführt, an dem ich heute stehe. Ich sehe durch meine tägliche Arbeit, dass es mehr „von uns“ gibt, als man zunächst vermuten würde. Und damit meine ich nicht nur Menschen, die früh mit der sogenannten „Unterwelt“ Kontakt hatten, sondern solche, die eben den Büroalltag aufgrund diverser Erfahrungen – die durchaus für den äußeren Betrachter recht unscheinbar wirken können – ebenfalls als Überlebenskampf erleben.

In meiner Arbeit begegne ich immer wieder Unternehmern, die eine heftige Vergangenheit haben. Hoch qualifizierten Menschen, die bei großen Konzernen arbeiten und Wege gefunden haben, mit ihrem enormen inneren Druck umzugehen, die ihnen gleichzeitig immer mehr Energie nehmen. Menschen, die viel Verantwortung übernehmen und sich dennoch stets selbst nicht genug sind.

Was viele von ihnen verbindet: Sie haben irgendwann gelernt, bestimmte Emotionen nicht mehr zuzulassen. Nicht unbedingt, weil mit ihnen etwas nicht stimmt, sondern weil genau das in bestimmten Phasen ihres Lebens notwendig oder zumindest hilfreich war.

Was einen einmal geschützt hat, kann einen später begrenzen.

Auch nach Jahrzehnten kann Veränderung schnell passieren, wenn die Zeit gekommen ist. Wenn man bereit ist, hinzuschauen, Verantwortung zu übernehmen und die eigenen Muster nicht länger mit Leistung, Kontrolle oder Ablenkung zu überdecken.

Ich arbeite mit Menschen, die viel tragen, viel leisten und nach außen funktionieren – aber wissen, dass sie innerlich längst an einem Punkt angekommen sind, an dem es so nicht weitergehen soll.

Wenn du bereit bist, das konsequent zu verändern, sprechen wir.

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